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Teil 2 des Interviews mit Silke Luttenberger
zum Thema  Orientierungsmuster von Jugendlichen bei Berufsentscheidungen

Unternehmen für Mädchen: Es scheint wenig Wissen über Berufsbilder vorhanden zu sein, etwa wenn es auf Mädchen bezogen um die körperlichen Voraussetzungen geht. Da geistern angsteinflößende Phantasmen herum, in dem Sinn, das ist ein Männerjob und nur starke Männer können das machen.

Silke Luttenberger: Wir sehen, dass Wissen über unterschiedliche Berufe marginal vorhanden ist. Wenige wissen über das breite Spektrum von Lehrberufen Bescheid. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum man sich primär an der Familie und an den Freundinnen und Freunden orientiert. Das Vermitteln von Informationen ist ein ganz wichtiges Thema. Der BO-Unterricht setzt halt auch relativ spät an, in der 7. Schulstufe. Eigentlich sollte das ja viel früher stattfinden.

Unternehmen für Mädchen: In Unternehmen trifft man auf die Auffassung, dass LehrerInnen keine Ahnung haben, wie die berufliche Realität aussieht. Wie könnte man sicherstellen, dass die LehrerInnen – nicht nur die BO-LehrerInnen – klarere Bilder von den Berufen haben.

Silke Luttenberger: Wir sehen, dass schulische und außerschulische Maßnahmen nicht immer Hand in Hand gehen. Außerschulischen Maßnahmen sind nur zielführend, wenn sie in ein pädagogisches Konzept eingepackt sind und entsprechend mit den Jugendlichen reflektiert werden. Dies sollte vor dem Hintergrund der eigenen Fähigkeiten und Interessen passieren. Bei Initiativen die schon früher ansetzen, z.B. im Kindergarten oder in der Volksschule muss das auch vor dem Hintergrund von der entwicklungspsychologischen Entwicklung passieren. Hier sollte aber auch bedacht werden, dass der Mathematikunterricht oder der naturwissenschaftliche Unterricht eine Schlüsselvariable darstellen. Man sieht auch, dass punktuelle Maßnahmen, wie ein Tag Mädchen in technische Berufe, ein Tag Burschen in Pflegeberufe, wenig nachhaltige Wirkung haben. Diese stellen nur das Sahnehäubchen dar, vor dem Hintergrund eines langen Berufsentscheidungsprozesses.

Unternehmen für Mädchen: Wie weit kann man die Berufsorientierung für das Entwickeln von langfristig sinnvollen Konzepten in die Pflicht nehmen? Ist die Berufsorientierung nicht mit den bestehenden Aufgaben schon überfordert? 

Silke Luttenberger: Ich sehe viele positive Beispiele im Berufsorientierungsunterricht. Die haben dort ja auch die Aufgabe, die Bewerbungsphase zu unterstützen, Bewerbungstraining zu geben. Es ist auf jeden Fall zu spät zu fordern, dass dort die einzigen Informationen bereitgestellt werden. Berufsorientierung ist ein Querschnittsthema und es sollte allen FachlehrerInnen bewusst sein, dass abhängig davon, wie wir Unterricht leben, bestimmte Interessen bei den Kindern sichtbar werden. Denken wir an forschendes Lernen im Sachunterricht in der Primarstufe: Wenn es nicht der Papa ist, der das Trockeneis mit nach Hause bringt, ist es vielleicht die Volkschullehrerin oder der Volkschullehrer, der im Sachunterricht spannende Experimente macht, die in weiterer Folge dazu führen, dass berufliche Interessen entstehen.

Unternehmen für Mädchen: Das bedeutet, dass alle LehrerInnen in der Volkschule und in der Neuen Mittelschule die vielfältigen Lehrberufe in den Unterricht einbauen müssen, um dadurch ein breiteres Spektrum darzustellen als die Eltern das können …

Silke Luttenberger: Ja, das führt weg von der Vorstellung, nur das familiäre Umfeld sei verantwortlich für die Orientierung. Deshalb sind ja oft die Informationen so eingeengt, denn ich sehe natürlich, welchen Beruf meine Eltern haben, und welche Erfahrungen sie dort machen. Aber über viele andere Berufe habe ich gar keine Information oder habe nie ausprobiert, ob ich in dem Bereich gut bin. Querschnittsthemen sind natürlich immer schwierige Themen, weil wenige sich verantwortlich fühlen. Die PTS kann am Ende nicht alles kompensieren.

 

 

 

HS-Prof. Mag. Dr. Silke Luttenberger, BEd

Hochschulprofessorin für Pädagogische Psychologie in der Primarstufe
Bundeszentrum für Professionalisierung in der Bildungsforschung
Pädagogische Hochschule Steiermark

Sissi Furgler Fotografie