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Vielfältige Förderungen und Unterstützungen

Interview mit Mag. Harald Schiestl, Leiter des Referats Förderungen der Wirtschaftskammer Steiermark

Unternehmen für Mädchen: Mädchen für eine Lehre in einem technischen Beruf zu gewinnen ist ein Anliegen der Wirtschaftskammer, wie auch die Palette an Förderungen und Maßnahmen in dieser Hinsicht zeigt. Warum verfolgt die Wirtschaftskammer diese Strategie? Welche Hoffnungen knüpfen sich daran?

Harald Schiestl: Die Wirtschaft braucht talentierte junge Menschen und mehr Mädchen für technische Berufe zu motivieren ist ein Weg, den zukünftigen Fachkräftebedarf abzudecken. Hier schlummert riesiges Potenzial und es geht natürlich auch darum, auf die demografische Entwicklung zu reagieren, die ja zukünftig weniger Lehrlinge erwarten lässt.

Unternehmen für Mädchen: Was tut die Wirtschaftskammer konkret, um Mädchen für eine Lehre in einem technischen Beruf zu begeistern?

Harald Schiestl: Die Wirtschaftskammer finanziert Projekte und auch die Lehrstellenberatung im Rahmen der Lehrstellenförderung. Im Bereich der Projekte ist Open Mint zu nennen, ein weiteres Projekt, das sich speziell an den Bereich KMU wendet, ist  „I Kann‘s! – Steiermark”. Es handelt sich um ein in Vorarlberg entwickeltes Projekt, umgelegt auf die Steiermark. Das hat jetzt, mit 1. Jänner 2017, gestartet. Dieses Projekt wird in der Steiermark von Mafalda umgesetzt, die Projektleitung hat der Verein Amazone mit Sitz in Bregenz.

Wir von der Lehrlingsstelle setzen aber auch verschiedene Maßnahmen um. Konkret wäre die Ausbildungsberatung der Lehrlingsstelle zu nennen und die Lehrstellenberatung der Lehrlingsstelle. Da fahren BeraterInnen in die Unternehmen und unterstützen vor Ort.

Unternehmen für Mädchen: Worauf ist in den Projekten und Maßnahmen besonders zu achten? Was ist Ihnen wichtig?

Harald Schiestl: Wichtig ist, dass die Erkenntnisse, die in den Projekten gemacht werden, anderen Unternehmen zur Verfügung gestellt werden. Teilweise fehlen den Unternehmen in diesen Themen die Erfahrung und das Wissen. Gut vorbereiteter Transfer ist hier wünschenswert.

Unternehmen für Mädchen: Unternehmen stehen vor dem Problem, dass sie die Berufswahlentscheidung, die ja stark von den Eltern beeinflusst wird, nicht ausreichend beeinflussen können. In anderen Worten, es wäre wünschenswert mit den Eltern stärker kommunizieren zu können. Wie könnte man die Eltern ansprechen?

Harald Schiestl: Seit ein paar Monaten gibt es das Talent Center. Dort werden die Fertigkeiten, Fähigkeiten, Kenntnisse und Wissen der Jugendlichen getestet und es wird ein Talente-Report erstellt.  Dieser wird den Jugendlichen und Eltern zur Verfügung gestellt. In diesem sind auch konkrete Berufsempfehlungen enthalten. Das ist ein sehr guter Weg, den Eltern nahezubringen, dass ihre Tochter oder Töchter auch einen technischen Lehrberuf in Betracht ziehen können. Diese Einführung hat sich schon bezahlt gemacht. Die Schulen nehmen diese Talent Centers gerne in Anspruch, diese sind meines Wissens schon bis Mitte nächsten Jahres ausgebucht. Da kommen ganze Schulklassen für einen halben Tag zur Testung. Das ist ein flächendeckendes Angebot.

Die Eltern müssen auch noch stärker in die Berufsinformation, in die Schnuppertage einbezogen werden. Bewusstseinsbildung ist bei der Lehre generell das Um und Auf, bei Mädchen in die technischen Lehrberufe umso mehr. Das ist ja noch in den Köpfen drinnen, dass die Lehre nicht die bestmögliche Ausbildung sei. In der Realität gibt es aber hervorragende Karrieremöglichkeiten und weitere Vorteile.

Unternehmen für Mädchen: Unternehmen für Mädchen fokussiert auch die Mädchen mit Migrationshintergrund. Wo sehen Sie in diesem Kontext die größten Herausforderungen?

Harald Schiestl: Im sprachlichen Bereich könnte man auch in der Lehrausbildung noch mehr machen. Ein weiteres Thema ist die Grundbildung  allgemein. Auch hier stellen wir Förderungen zur Verfügung: Wenn Lehrbetriebe die Notwendigkeit sehen, in der Grundbildung der Lehrlinge etwas zu tun, fördern wir das zu hundert Prozent. Dabei handelt es sich um eine Individualförderung bis zu einer Höhe von 3.000.- Euro. Wir verstehen darunter Basiskenntnisse auf Pflichtschulniveau. Mathematik, Deutsch, Fremdsprachen. Und gerade für Lehrlinge mit Migrationshintergrund auch die Muttersprache. Auch da würde Nachhilfe gefördert werden. Weil das ist ja die Basis – wenn ich die Erstsprache nicht kann, habe ich auch Schwierigkeiten, die deutsche Sprache zu erlernen. Das trifft bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund ja häufig zu: dass sie weder die Erstsprache, noch Deutsch können.

Dieses Angebot wird zwar immer mehr, aber insgesamt noch zu zögerlich in Anspruch genommen. Es wäre wünschenswert, wenn sich die Nachfrage erhöhen würde. Wenn es dann noch immer Probleme gibt, die weniger mit der Grundbildung zu tun haben, dann gibt es das Coaching durch ExpertInnen, die auch gendersensibel unterstützten können.

Unternehmen für Mädchen: Jugendstudien zeigen unter anderem, dass jene Jugendlichen, die jetzt eine Lehre beginnen, hohe Ansprüche an die Lehrausbildung haben, dass sie aber gleichzeitig großen Wert auf ihre Freizeit legen. Worin unterscheidet sich die Generation 2000+ aus Ihrer Sicht von Lehrlingsgenerationen davor?

Harald Schiestl: Die Digitalisierung ist in der Arbeitswelt angekommen, es geht immer mehr in Richtung IT und Technik und da bringen junge Menschen mehr Potenzial mit, sie erwarten aber auch einen anderen Arbeitskontext als die Generationen vor ihnen. Die Jugendlichen befinden sich da auf einem guten Weg und das muss man auch in der Ausbildung berücksichtigen. Das betrifft übrigens Burschen und Mädchen gleicherweise. Wir investieren hier wie in anderen Bereichen stark, um die Unternehmen in ihrer qualitätsorientierten Lehrausbildung zu unterstützen.

Unternehmen für Mädchen: Was würden Sie Unternehmen aus traditionell männerdominierten Branchen empfehlen, die zukünftig verstärkt Mädchen als Lehrlinge ansprechen möchten?

Harald Schiestl: Lehrbetriebe sollten junge Frauen als potenzielle Mitarbeiterinnen gezielt ansprechen. Sie sollten in ihrer Bewerbung explizit darauf hinweisen, dass speziell Mädchen für Technikberufe in den Unternehmen gesucht werden, die Mädchen in den Unternehmen herzlich willkommen sind und dass in den Unternehmen natürlich auch das entsprechende positive Betriebsklima für eine optimale Ausbildung von Mädchen in technischen Lehrberufen vorhanden ist.

Das Interview geführt hat Otto Rath vom Projekt Unternehmen für Mädchen.