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Faktencheck Lehrlingsausbildung

Im Mai 2016 erschien der aktuelle Bericht zur Jugendbeschäftigung 2014/2015. Diese vom Institut für Bildungsforschung der Wirtschaft und dem österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung herausgegebene Studie, die zuletzt 2014 veröffentlicht wurde, beleuchtet die Datenlage zur Lehrausbildung in Österreich.

Weniger Mädchen als Burschen entscheiden sich für die Lehre

Junge Frauen wählen die Option einer Lehrausbildung seltener als Burschen, nur 34% eines Jahrganges beginnen eine Lehre. Sie konzentrieren sich dabei traditionell auf wenige Lehrberufe: Fast die Hälfte der Mädchen (46,7%) ist in nur drei Lehrberufen zu finden: Einzelhandel, Bürokauffrau, Friseurin. Während 64% der Lehrlinge im Handel weiblich sind, findet man in den Branchen Gewerbe und Handwerk nur 16%. Nach Lehrberufsgruppen betrachtet dominieren weibliche Lehrlinge in der Gruppe „Körperpflege und Schönheit“ (91% weiblich), am niedrigsten ist der Mädchenanteil in der Elektrotechnik und Elektronik (5%)

Die Konkurrenz ist nicht entscheidend für die Wahl des Lehrberufs

In den Metall- und Elektroberufen gab es mit Dezember 2015 285 offene Lehrstellen und 1.421 Lehrstellensuchende, eine Differenz von -1.136. Die Zahl der offenen Lehrstellen hat aber offensichtlich wenig Relevanz für die Verteilung der Geschlechter, denn auch im „Mädchenberuf“ Handel gibt es im Verhältnis von offenen Lehrstellen und InteressentInnen eine Differenz von -1.005 Stellen.

Die Lehrstellennachfrage sinkt

Aus demografischer Sicht ist mit einem Sinken der Lehrstellennachfrage zu rechnen: Die Zahl der 15-Jährigen ist vom Höchststand 2007 (100.396) auf 84.383 im Jahr 2016 gesunken. Eine Stabilisierung auf diesem Niveau wird prognostiziert. Ein stärkeres Bemühen um Mädchen könnte die Effekte einer geringeren Lehrstellennachfrage ausgleichen, wie auch eine Konzentration auf Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Jugendliche mit Migrationshintergrund scheiden nach Beendigung der Schulpflicht tendenziell schneller aus dem Ausbildungssystem aus

Die Schulstatistik zeigt, dass der Anteil von Jugendlichen mit nicht-deutscher Umgangssprache in der 1. Klasse bei 27% liegt, in der 12. Klasse bei 14%. Bei diesem Ausscheiden aus dem Ausbildungssystem sind kaum geschlechtsspezifische Unterschiede festzustellen. Das soziale Kapital spielt dabei eine größere Rolle als ethnische oder kulturelle Faktoren. In der Lehrlingsausbildung ist die Unterrepräsentation von Jugendlichen mit Migrationshintergrund besonders deutlich, wie die Statistik nach Schultypen zeigt: In der Volksschule beträgt der Anteil dieser Gruppe 27,6%, in den Berufsschulen dagegen nur 13,8%. Wenn man diese Zahlen ergänzt mit der AHS (17,2%) und den Handelsakademien (32,2%) werden die Tendenzen deutlich.

Das Potenzial von Jugendlichen mit Migrationshintergrund wird wenig genutzt

Dass Jugendliche mit Migrationshintergrund zum Teil überhaupt aus dem Ausbildungssystem herausfallen und bei einem Verbleib die Variante kaufmännische Schule anstreben, stellt ein Problem für den Fachkräftenachwuchs dar. 11,6% der Jugendlichen mit nicht-deutscher Umgangssprache besuchen nach Erfüllung der Schulpflicht keine weiterführende Ausbildung, bei männlichen Jugendlichen ist dieser Anteil noch höher als bei den weiblichen. Das vorhandene Potenzial, das unter anderem in der Mehrsprachigkeit dieser Jugendlichen liegt, bleibt dadurch ungenützt.

Die Ursachen für das frühe Aussteigen aus dem Ausbildungssystem sind bekannt

Die Ursachen für das frühe Aussteigen aus dem Ausbildungssystem wird in unterschiedlichen Faktoren vermutet: Die Deutschkenntnisse spielen eine Rolle, aber es existieren laut der Studie andere, mindestens ebenso bedeutende Gründe: Informationsdefizite in Bezug auf das duale System allgemein und auf die Rahmenbedingungen im Besonderen. Fehlendes Wissen und fehlende Unterstützung der Eltern erschweren die Situation ebenso wie formale Probleme, etwa Fristen für die Bewerbung.

Viele gehen aber auch in berufsbildende mittlere Schulen, weil es dort kaum Zugangshürden gibt, anders als in der Lehrberufsausbildung, und kurzfristig erscheinen aus finanziellen Gründen Hilfsarbeitertätigkeiten attraktiver als eine mehrjährige Ausbildung. Teilweise spielen auch Ängste, Vorurteile und Schwierigkeiten auf Seiten der Lehrbetriebe eine Rolle.

Lehren

Weniger Jugendliche pro Jahrgang bedeuten weniger Nachfrage nach einer Lehrausbildung. Um den zukünftigen Fachkräftebedarf befriedigen zu können, scheint eine Investition in das Akquirieren von Mädchen – die aktuell eher in weiterführende Schulen als in die Lehrlingsausbildung tendieren – und von Jugendlichen mit Migrationshintergrund sinnvoll zu sein.

Otto Rath

Otto Rath Bildungsmanagement & Unternehmensberatung, www.ottorath.at